Morsetelegrafie: Ein immaterielles Kulturerbe
Zusammengestellt von Norbert Gabriel, DJ7ZY, Mitglied der Interessengruppe "Kulturerbe Morsetelegrafie" (IKM)

Das Morsen war ca. 150 Jahre lang eine sehr verbreitete manuell ausgeübte Übermittlungsform für Nachrichten. Die in jüngster Zeit stattfindende rasante Fortentwicklung in allen Kommunikationstechniken, vornehmlich mit digitalen Systemen, hat die Übermittlungsform mit Morsezeichen zu kommerziellen Zwecken völlig überflüssig gemacht. Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es keine Nachrichtenübermittlung mehr, für die ein staatlicher Qualifikationsnachweis im Morsen erforderlich ist. Einmal davon abgesehen, dass es etwas mehr als ein halbes Jahrhundert her ist, als man noch Morsetelegrafie über Fernmeldeleitungen an Land oder durch Seekabel angewendet hat, wurden aber auch die Funkanwendungen mit dem Morsesystem bei der Luftfahrt, der Seefahrt, beim Militär, bei Polizeien, bei Wetterdiensten, bei der Eisenbahn usw. eingestellt.


oben:  Konzentration bei der Morseabgabe mit der Junker-Taste  . . .

Einzige Gruppe, in der Morseübermittlungen noch auf freiwilliger Basis durchgeführt werden, ist die der Funkamateure.
Aber auch hier ist ein ständiger Rückgang zu verzeichnen, so dass es immer weniger Fachleute gibt, die noch die manuellen Fertigkeiten des „Gebens“ von Morsezeichen besitzen, sowie die gehörmäßige (oder visuelle) Aufnahmefähigkeit haben, Morsezeichen in Klartext umzusetzen. Eine hohe Qualifikation bedeutete im Morsen aber nicht nur Präzision beim Geben/Tasten und nicht nur die Schnelligkeit beim Geben und Hören (Aufnehmen). Wenn ein Funker auf einem Schiff bei schwerem Seegang, oder in einem in Luftturbulenzen durchgeschüttelten Luftfahrzeug oder ein Soldat während eines tobenden Kriegsgefechtes dennoch mit Morsetelegrafie kommunizieren konnte, dann war das nur möglich, wenn er die Kunst und Fertigkeit des manuellen Telegrafierens wirklich beherrschte. Das selektive Hören/Aufnehmen eines bestimmten Signals bei stark schwankenden Ausbreitungsbedingungen der Funkwellen oder beim gleichzeitigen Vorhandensein anderer Morsezeichen und Geräusche auf dem Übertragungskanal war eine Fähigkeit, die mühsam erlernt werden musste. Morsetelegrafie ist wohl die „Sprache“ mit der wenigsten Grammatik. Auch war diese „Sprache“ in mehr Ländern der Erde bekannt und anerkannt, als jede andere Sprache. Morsetelegrafie konnte eben ohne jegliche Ausspracheprobleme „gesprochen“ werden. Dies war auch ein Grund warum im Funkwesen die Morsetelegrafie über mehr als 100 Jahre lang die Kommunikation zwischen Stellen mit verschiedensten Heimatsprachen so wesentlich erleichterte. Besonderes Beispiel ist die weltweit über mehr als 100 Jahre ausschließlich in manueller Morsetelegrafie mit dem bekannten Notsignal SOS genutzte Not- und Anruffrequenz 500 kHz / 600 Meter. 
Das jetzt schnell fortschreitende Aussterben der Morsetelegrafie kann und muss nicht verhindert werden. Es sollte aber zum Anlass genommen werden, so viel wie möglich von diesem kulturhistorischen Erbe der Nachwelt zu sichern. Die UNESCO-Konvention zum Schutz des immateriellem Kulturerbes von 2003 definiert in Artikel 2 wie dieser Begriff zu verstehen ist. Danach gehören klassischerweise die Sprachen der Erde zum immateriellen Kulturgut, von denen aber eine Vielzahl ebenfalls vom starken Verbreitungsrückgang oder sogar vom Aussterben bedroht ist. Wenn Morsetelegrafie nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten auch keine Sprache im herkömmlichen Sinn ist, erfüllt sie aber den gleichen Zweck wie z. B. die Gebärdensprachen, die zum wesentlichen Teil auch ohne den Mund „gesprochen“ werden, oder die Fingeralphabete die eben nur mit den Fingern „gesprochen“ werden, sowie die Pfeifsprachen. Die Pfeifsprache „Silbo Gomera“ von der Kanarischen Insel Gomera wurde im übrigen 2009 in die UNESCO-Liste der schützenswerten immateriellen Kulturgüter aufgenommen. Bei all diesen (und weiteren) Formen findet die Übermittlung einer Nachricht aus einer Lautsprache durch Umsetzung in eine in der jeweiligen Situation vom Gegenüber verstandenen anderen Sprache statt. Das ist hier die Morsesprache, die, obwohl sie von einem sehr geringen Teil der Weltbevölkerung „gesprochen“ wurde, aber durch ihre extrem große Verteilung, auch als eine Art Weltsprache bezeichnet werden kann.

Seit drei Jahren bemühen sich als „Interessengruppe Kulturerbe Morsetelegrafie“ (IKM) drei ehemalige Funkoffiziere der deutschen Handelsmarine um eine UNESCO-Anerkennung der Kunst mit Morsezeichen zu telegrafieren. So wie es eine offizielle UNESCO-Liste für materielle Kulturgüter gibt, werden von der UNESCO auch immaterielle Kulturgüter als solche offiziell anerkannt und gelistet. 
Erst relativ spät, im Mai 2013, ist Deutschland der entsprechenden UNESCO-Konvention für das immaterielle Kulturerbe beigetreten. Für Bewerbungen zur Aufnahme in die dazugehörige „Representative List“ haben die 16 Bundesländer (sie haben die Kulturhoheit) in Zusammenarbeit mit der Deutschen UNESCO-Kommission e. V. ein zweistufiges nationales Antragsverfahren bekanntgegeben. Weil Deutschland ein sehr kulturträchtiges Land ist, wird es auf nationaler Ebene also bald eine Flut von Bewerbungen geben. Die von den Bewerbungen erfassten Themen können gemäß UNESCO-Definition zum immateriellen Kulturgut aus folgenden Bereichen kommen:
Hier die offizielle Übersetzung des §2 des UNESCO „Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbe“
Das „immaterielle Kulturerbe“ im Sinne der Nummer 1 wird unter anderem in folgenden Bereichen zum Ausdruck gebracht:
a) mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen, einschließlich der Sprache als Träger des immateriellen Kulturerbes;
b) darstellende Künste;
c) gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste;
d) Wissen und Bräuche in Bezug auf die Natur und das Universum;
e) traditionelle Handwerkstechniken.

Die Kunst der manuellen Anwendung der Morsetelegrafie wird von den Definitionspunkten a), d) 
und e) abgedeckt. Diese Bewertung wird jeder so vornehmen, der selber einmal die Kunst des Morsens erlernen durfte. Es bleibt zu hoffen, dass es zu einer offiziellen Anerkennung dieser aussterbenden Kunst kommt. Das wäre eine gute Voraussetzung für koordinierte Dokumentationsmaßnahmen.


oben:  . . . und bei der Morseaufnahme am Empfänger Elektromekano M86

Am 14.09.2013 hat nun die IKM eine offizielle Bewerbung beim Bundesland Rheinland-Pfalz zur Anerkennung der „Kunst in Morsetelegrafie zu kommunizieren“ eingereicht. Da es sich bei der Morsetelegrafie um ein in allen Bundesländern vorgekommenes Kulturgut handelt, wird nicht ein einzelnes Bundesland über dessen Bewertung entscheiden. Die von den Bundesländern geprüften und als sinnvoll eingestuften Bewerbungen zur Anerkennung eines nicht materiellen Kulturgutes, werden an die Deutsche UNESCO-Kommission zur abschließenden Beurteilung weitergeleitet. 
Dort entscheidet, quasi in zweiter Instanz, ein 23köpfiges Expertenkomitee, ob ein beworbenes Kulturgut in das „Bundesverzeichnis des für Deutschland gültige immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen wird. In dieser ersten Ausschreibungsphase können noch bis zum 30. November 2013 Bewerbungen für nicht materielle Kulturgüter bei den Bundesländern eingereicht werden.

15.09. 2013 
Norbert Gabriel


Text: Urheber:  Norbert Gabriel, DJ7ZY (Abdruck mit freundl. Genehmigung am 16. Sept. 2013)
Abb.1: Urheber gem.§7 Urh.G.: Karlheinz Müller  DF2BA  †2006  (Mit freundlicher Genehmigung 2001) 
Abb.2: Urheber gem.§7 Urh.G.: Hans Lach, WHV  (Mit freundl. Genehmigung 2000)

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Version: 17-Sep-13 / HBu